Frauenberg - ein Weinberg mit erstaunlicher Geschichte

Weingut Reinhold Franzen, Gartenstraße 14, 56814 Bremm
Text: Dr. Karl-Heinz Franzen
Fotos: Rolf Goergen

Für die Schiffsführer auf der Mosel ein Graus, für die Moselbesucher ein Genuss: Die Mosel-Halbinsel Stuben. Zwischen den Orten Neef, Bremm und Ediger-Eller läuft die mäandrierende Mosel zu ihrer Höchstform auf und bildet die wohl schönste, mit Sicherheit aber engste Moselschleife.

Die Halbinsel Stuben (auch Stubben genannt) ist eine der historisch interessantesten Plätze im Moseltal. Dieses kleine Fleckchen Erde zeugt, konzentriert wie in einem Brennglas, von der 2000 jährigen kontinuierlichen kulturgeschichtlichen Entwicklung des Moseltales.

Dies ist kein Zufall, denn dieser von der Natur so sehr begünstigte Ort lud geradezu zur Besiedlung ein. Der flache Gleithang der Halbinsel besteht in seinen tieferen Lagen aus fruchtbarem Schwemmland, geeignet für den Ackerbau; der Steilhang, nach Süd-Südwest gelegen ist mit seinem Schieferboden ideal für den Weinbau geeignet. Durch die Tallage, umflossen von der Mosel, ist das Klima zu allen Jahreszeiten mild, im Sommer oft auch heiß. Der gegenüber der Halbinsel bis auf über 300 m steil aufragende Calmont hält zusätzlich noch die Nordwinde fern. Man kann von einer Besiedlung bereits in vorgeschichtlicher Zeit ausgehen.

Die Kelten waren die ersten, die ihre Spuren hinterlassen haben, und zwar eine Ringwall Anlage (wahrscheinlich eine Fluchtburg) auf dem die Halbinsel begrenzenden Bergrücken „Hochkessel“.

Auf dem „Petersberg“, der höchsten Erhebung der Halbinsel, oberhalb des „Frauenbergs“ gelegen, errichteten die Römer gegen Ende des 3. Jahrhunderts eine Befestigung. Zahlreiche Funde, wie Pfeilspitzen, Beschläge von Gürteln, Schwertscheiden und vor allem Münzen belegen eine römische Besiedlung bis ins 5. Jahrhundert. Aber auch mit der Landnahme der Franken scheint kein Bruch in der Besiedlung stattgefunden zu haben. Dies zeigen Münzfunde mit Prägungen aus dem 5. Jahrhundert, und der spektakuläre Fund eines frühen merowingischen Gräberfeldes, angelegt zu Beginn des 6. Jahrhunderts. Ein für die gesamte Region bedeutender Einzelfund bildet eine zur Hälfte erhaltene Marmorplatte mit der frühchristlichen Grabinschrift zum Gedenken an das 7 jährige Kind Rinifia aus dem 6. Jahrhundert.

Somit ist der „Petersberg“ eines der wenigen Zeugnisse für die kulturgeschichtliche Kontinuität des Mosellandes auch während der Völkerwanderungszeit. Höchst interessant auch: Auf dem Petersberg befindet sich der letzte heute noch genutzte Bergfriedhof an der Mosel.

Im flachen Teil der Halbinsel wurden bei aktuellen Grabungen Siedlungsreste aus römischer Zeit gefunden. Erstmals urkundlich erwähnt wird für diese Stelle der Hof eines Adligen mit Namen Egelolf. Dieser vermacht sein Anwesen im Jahre 1136 dem Abt Richard von Springiersbach mit der Auflage, dort ein Augustiner Frauenkloster zu errichten. In den folgenden Jahrhunderten entstand hier ein großer Gebäudekomplex. Heute ist davon nur noch die Ruine der letzten Klosterkirche sichtbar. Wegen Missständen wurde das Kloster 1788 durch Kurfürst Clemens Wenzeslaus (den Riesling-Kurfürst) in ein freies Damenstift umgewandelt. 1794 erfolgte die Auflösung, die Insassen flohen vor den herannahenden französischen Truppen. 1815 wurde aus dem Stubener Land eine preußische Domäne, die man 1820 aufteilte und in Stücken versteigerte. Die Gebäude wurden von den neuen Eigentümern als Steinbruch genutzt und heute findet sich in den Dörfern der Umgebung so manches Stück guter Steinmetzarbeit aus dem ehemaligen Kloster Stuben.

Eine bedeutende Reliquie des Mittelalters wurde über Jahrhunderte in diesem Kloster aufbewahrt und verehrt. Im Jahre 1204 plünderte ein Kreuzfahrerheer, anstatt das heilige Land zu befreien, lieber die christliche aber reiche Stadt Konstantinopel. Nach 2 Tagen gab es eine Mondfinsternis, worauf man das Plündern einstellte. Mit dabei war auch der Ritter Heinrich von Ulmen und zwar im Heeresteil von Bonifaz von Montferrat. Bonifaz kam in den Besitz eines reichen Reliquienschatzes. Er konnte sich aber nur 3 Jahre daran erfreuen. Er fiel 1207 im Kampf gegen die Bulgaren. Heinrich von Ulmen wurde daraufhin von der Witwe beauftragt, die Reliquien ins Deutsche Reich zum König Phillip von Schwaben zu bringen, der ihr beistehen sollte. In Deutschland angekommen „vergaß“ Heinrich aber seinen Auftrag. Er hatte aber nicht lange Freude an seinem Schatz. Bedrohungen durch andere Ritter und das Zuraten hoher geistlicher Würdenträger führten dazu, dass er die Reliquien an verschiedene Kirchen und Klöster stiftete. Das wichtigste Teil, die „Staurothek“ ging 1208 an das Kloster Stuben, dem seine Schwester als Äbtissin vorstand.

Zu Ehren der „Staurothek“ verbrachte der deutsche Kaiser Maximilian I auf seiner Reise zum Reichstag in Trier im Jahre 1512 einen Tag im Kloster Stuben.

Der „Frauenberg“ war der Weinberg dieses Frauen-Klosters. Man kann aber davon ausgehen, dass bereits zur römischen Zeit Weinberge an diesem Berghang angelegt wurden, da die Halbinsel an mehreren Stellen nachweislich von Römern besiedelt war. Wie das Gedicht „Mosella“ des römischen Dichters Ausonius, entstanden um 370 n. Chr., anschaulich beschreibt, waren gerade die steilen Berghänge des Moseltals mit Reben bepflanzt. Diese Rebkultur wurde in den besten Lagen, den Steil- und Terrassenlagen auch in fränkischer Zeit kontinuierlich fortgesetzt. Dies zeigt das Gedicht des Venantius Fortunatus, entstanden um 575 n. Chr., als Fortunatus den merowingischen König Childebert auf einer Moselreise von Metz bis Andernach a. Rhein begleitet:

Dennoch bezwinget man, Frucht zu erbringen, den starrenden Schiefer, Selber der Felsen gebiert und es entströmet der Wein. Allwärts siehst du die Höhn umkleidet mit grünenden Reben, Und sanft fächelnde Luft spielet der Rank im Gelock.

Dicht in Zeilen gepflanzt in das Schiefergestein ist der Rebstock, Und an die Brauen des Bergs ziehn sich begrenzte Geländ, Anbau lacht aus starrendem Fels schmuck Pflanzern entgegen, Selbst in der Blässe des Steins röthet die Traube sich hold.

Dort, wo steiles Geklüft kostbareste Süße der Beeren Zeugt, und an Reben die Frucht lacht in dem baaren Gestein, Wo Weinberge belaubt aufstreben zu nackenden Berghöhn, Und reichschattendes Grün decket das trockne Geröll: Hier einsammelt die Ernt der gefärbten Trauben der Winzer, Selber am Felshang hanget er lesend die Frucht.

Urkundliche Erwähnung bestimmter Weinberge sind selten im frühen Mittelalter, aber ein Weinberg in Bremm-Stubben wird bereits im Jahre 1137 erwähnt, wobei es sich mit Sicherheit um Weinberge im „Frauenberg“ handelt.

Der „Frauenberg“ ist eine der besten Weinlagen der Mosel, dennoch nicht sehr bekannt, was aber wahrscheinlich an der geringen Größe der Lage (ca. 10 Hektar) liegt. Das Klima ist hier für den Weinbau ideal, der terrassierte steile Hang liegt nach Süd- Südwest. Das heißt: für hiesige Breitengrade eine optimale Sonnenausrichtung. Der Hang liegt direkt am Moselufer und steigt nur ca. 100 m auf. Durch die relativ tiefe Lage und südliche Hangneigung ergibt sich ein optimales Klima und Sonneneinstrahlung, zusätzlich noch begünstigt durch die Schieferböden. Temperaturschwankungen werden hierdurch abgemildert.

Die Reben wachsen auf Grauwackeschiefer, der in diesem Berg von leicht verwitternder Art ist, was für einen ständigen Nachschub an mineralreichem Humusboden sorgt. Somit ist auch ohne Düngung eine ausgezeichnete Nährstoff- und Mineralversorgung der Reben gegeben. Im „Frauenberg“ wachsen reife, gehaltvolle Rieslinge mit Finesse, Eleganz und Filigranität.

Noch eine Besonderheit zeichnet die Lage aus. Da die Weinberge direkt aus der Mosel aufsteigen, sorgen im Herbst häufige Morgennebel für das geeignete Klima zur Entwicklung des Botrytis Pilzes an den überreifen Trauben. Der Pilz greift die Beerenhaut an, so dass Wasser verdunsten kann, und konzentriert so den Zucker aber auch Aroma und Geschacksstoffe und sorgt für ein typisches Botrytis Aroma, das die hochwertigsten Rieslingweine auszeichnet.

An den Steilhängen der Mosel wird der Weinbau noch weitgehend so betrieben wie vor fast 2000 Jahren. Die Beschreibung des Fortunatus trifft auch heute noch zu. Im Weinberg am Steilhang ist heute wie damals alles Handarbeit. Der Lohn: Einzigartige Weine!

„Frauenberg“, der Weinberg des Frauenklosters Stuben, steht beispielhaft für die 2000 jährige Kulturgeschichte des Mosellandes. Mit dem einzigartigen Produkt: dem von seinem ganz speziellen Terroir geprägten Rieslingwein.

Genießen Sie den „Frauenberg“ mit Respekt und denken Sie dabei an seine Herkunft: An die Moselhalbinsel Stuben, sowie an das Frauenkloster am Moselstrand.

Einiges davon ist geblieben und Sie können es heute noch genießen: die Schönheit der Moselschleife, die Ruhe am uralten Friedhof mit Kapelle auf dem „Petersberg“, die Ruine der Klosterkirche Stuben, und den Wein vom „Frauenberg“.