Eiswein

Text und Fotos von Rolf Goergen

Christkind-Wein vom 24. Dezember 2001

- Bei Eis und Schnee gelesen –

Bei dem Wort „Eiswein“ schnalzen selbst jene Menschen genüsslich mit der Zunge, die sonst kaum einen Tropfen Rebensaft trinken. Da stellt man sich ganz automatisch die Frage Woran liegt das? – Nun, der Gelegenheitsweintrinker registriert zunächst einmal den hohen Preis und sagt sich, dass dieser Tropfen etwas ganz Besonderes sein muss. Denn: Wenn man für eine „halbe Flasche“ 20 bis 30 Euro hinblättern muss, kann es bei dem Produkt nur um etwas Herausragendes handeln. Aber selbst absolute „Trockengurus“ unter den Weintrinkern gönnen sich hin und wieder ein Gläschen des edelsüßen „Götter-Gesöffs“.

Eiswein, was ist das eigentlich? Was erhebt ihn über andere Weine? – Wie kommt er überhaupt zustande? – Wenn man diese (oder ähnliche) Fragen einem Winzer stellt, lächelt er milde über so viel Unkenntnis, gibt dann aber meist bereitwillig Auskunft.

Die Trauben sollen hart gefroren sein. Dies ist der Fall, wenn das Thermometer mindestens acht Grad unter Null anzeigt. Dann ist nämlich das Wasser in der Traube gebunden und gelangt beim Keltern nicht in den späteren Wein; lediglich der Extrakt wird herausgepresst. Dadurch ist der spätere Ertrag zwar extrem gering, andererseits aber auch extrem hochwertig. Die Öchslegrade liegen bei mindestens 110 und gehen hoch – je nach Reife und Beschaffenheit der Trauben - bis sage und schreibe 180. – Der Eiswein hat, neben hohem Zuckergehalt, auch hohe Säurewerte. Der Alkoholgehalt im fertigen Wein ist hingegen eher niedrig. Das liegt daran, dass die Hefe es schwer hat, den gesamten Zucker in Alkohol umzuwandeln. Wenn die Hefe etwa sieben bis neun Prozent Alkoholvolumen gebildet hat, stellt sie in aller Regel ihre „Arbeit“ ein.

Begünstigt durch die hohe Säure und Zucker eignen sich Eisweine vorzüglich für eine jahrzehntelange Lagerung; selten verlieren diese Weine – selbst nach 50 und mehr Jahren – an Qualität und Geschmack. Hierbei spielt allerdings auch die Wertigkeit des Korkens eine nicht unerhebliche Rolle. Ist der Korken nicht hundertprozentig dicht, oxidiert der Wein und nimmt eine unnatürliche gelbe bis bräunliche Farbe an.

Andere Länder, andere Sitten. Unsere Nachbarn, die Franzosen beispielsweise, verfrachten ihr Lesegut kurzerhand in ein Gefrierhaus. Im Prinzip ist es völlig gleichgültig, ob die Trauben draußen am Stock gefrieren oder aber durch den technischen Aufwand einer Kühl-(Gefrier-) Maschine. In Frankreich hat man jedenfalls in dieser Hinsicht keine Gewissensbisse. – In Deutschland ist diese Methode nicht üblich und lediglich zu Versuchszwecken legalisiert worden. Dann jedoch darf das Endprodukt nicht als Eiswein deklariert werden.

Der 24. Dezember 2001 war ein ganz besonderer Tag. Nicht nur weil Weihnachten war, nein, an diesem Tag lag zudem eine geschlossene Schneedecke. Das kommt im warmen Moseltal nicht gerade häufig vor. Aber es kam noch besser, denn das Thermometer war nachts auf minus 10 Grad gesunken; gegen Morgen stand es sogar auf 13 Grad. Das waren Bedingungen, die man höchst selten erlebt…. O du fröhliche, O du selige… Wer jetzt noch Trauben hängen hatte, konnte sich von Herzen freuen.

Der Bremmer Winzer, Ulrich Franzen (Weingut Reinhold Franzen), zählte zu den Glücklichen. Seine Entscheidung, die Trauben hängen zu lassen, war goldrichtig. Um sie vor Vogelfraß, Rehen und Wildschweinen zu schützen, hatte er die Reben nach der Hauptlese mit grobmaschigen Netzen umhüllt. Diese Methode gewährleistet – außer der genannten Schutzfunktion – dass die Trauben nicht zu Boden fallen.

In aller Herrgottsfrühe war die starke Lesemannschaft im verschneiten und frosterstarrtem Wingert eingetroffen. Glutrot färbte sich der östliche Winterhimmel. Ein Morgen mit feierlichem Flair. Die Laune bei Jung und Alt war bestens. Jeder war froh, an diesem besonderen Tag dabei sein zu dürfen. Denn das ganze Fluidum, diese Bedingungen mit allem Drum und Dran, gibt es nur alle Jubeljahre einmal: Schnee, klirrender Frost, Weihnachten – und Eiswein. Hier wurde ein echter „Christkindelwein“ geboren, ein Eiswein, der seiner Bezeichnung alle Ehre macht…