Artikel von Mario Scheuermann
Steillagen-Dinner
Homburger Kallmuth, Rüdesheimer Berg Schlossberg, Merler Königslay-Terrassen, Bremmer Calmont - Das sind Namen, die dem Kenner der deutschen Weinszene höchste Qualität signalisieren vor allem dann, wenn sie mit Erzeugernamen wie Kallfelz, Leitz, Franzen oder Fürst von Löwenstein verbunden sind. Diese präsentierten sich gestern Abend im Kronenschlösschen in Hattenheim im Rahmen eines Slow Food Dinners, das dem Thema „Steillagen“ gewidmet war. Wie erklärt man einem Laien, was das meint: Steillagen. Man kann es mit Prozenten der Hangneigung beschreiben, mit der Zahl zusätzlicher Arbeitsstunden pro erzeugter Flasche, mit dem Grad der körperlichen Gefährdung bei der Arbeit im Weinberg, mit den Auswirkungen des Äquatoreffekts bei der Sonneneinstrahlung oder auch einfach mit der beeindruckenden Schönheit einer solchen über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft. Und man kann es wie Albert Kallfelz mit einem Wort auf den Punkt bringen: Steillage = Leidenschaft. Was herauskommen kann, wenn ein Winzer ganz dieser Passion lebt, zeigte vor allem Reinhold Franzen mit seinem Calidus Mons 2003. Geerntet mit 105 Grad von über 70 Jahre alten Rebstöcken in der steilsten Weinbergslage Europas als Krönung eines Jahrgangs, der bereits jetzt wegen seines extremen Klimaverlaufs als Jahrtausendjahrgang gilt. Bis weit in den Juli hinein hat der Wein gegoren, ehe er bei 13 % Vol. Alkohol und 14 gL Restzucker stehen geblieben ist. Im Ergebnis ein wahrhaft grosser Wein, wuchtig, massiv und dennoch mit einer inneren Balance. Da ist nichts zu schmecken von Primärfrucht. Das ist pure erdige Mineralität, leicht rauchig. Der Wein zeigt voll und ganz die Ausprägung seines Terroirs. Da vereinen sich leichte Petrolnuancen, Honignoten, erdige Töne, zarte Restsüsse, alkoholischer Schmelz zu einem dichten Extrakt des heissen Bodens, auf dem der Wein gewachsen ist. Eine perfekte Interpretation der Natur durch den Menschen.